Luftbild einer Biogasanlage in Laupheim

Stadt Laupheim wird CO2-frei und klimaneutral

Wie wird eine Kommune wie die schwäbische Kreisstadt Laupheim klimaneutral? Indem man zunächst eine Bilanz zieht, aus der hervorgeht, wo aktuell CO2-Emissionen entstehen. Anschließend wird ein Plan entwickelt, der viele Maßnahmen enthält, um klimaneutral zu werden. Zuletzt muss das Ganze dann umgesetzt und immer wieder nachjustiert werden …

Deutschland hat sich international verpflichtet, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Diesem Ziel gerecht zu werden stellt eine große Herausforderung dar, die zwar mit zentralen Vorgaben gesteuert werden kann, aber vor allem lokal umgesetzt werden muss. Deshalb fragen sich viele Kommunen, was vor Ort getan werden kann. Wie kann z. B. eine mittelgroße Stadt wie das schwäbische Laupheim klimaneutral werden? 

Zur Stadt Laupheim

Die große Kreisstadt Laupheim liegt weit im Süden Deutschlands, etwa 20 Kilometer südlich von Ulm. Sie ist die zweitgrößte Stadt im Landkreis Biberach und bildet ein Mittelzentrum in Oberschwaben. Laupheim besteht aus vier Stadtteilen und einer Kernstadt, die zusammen 21.300 Einwohner verzeichnen. Über 50 Prozent der Fläche Laupheims wird landwirtschaftlich genutzt. Übrigens: Von hier stammt Carl Laemmle, der mit der Gründung der Universal Studios als einer der Erfinder der Filmindustrie in Hollywood gilt.

Luftbild der Stadt Laupheim bei Google Earth

Klimaneutral – wie und warum?

Der Begriff der Klimaneutralität bezeichnet die Balance zwischen Kohlenstoffausstoß und Kohlenstoffaufnahme aus der Erdatmosphäre. Die Klimaprogramme der EU zielen auf einen Zustand, in dem keine Treibhausgase mehr ausgestoßen werden, die das übersteigen, was sogenannte Senken (Wälder, Moore) aufnehmen und verarbeiten können. Seit der 21. Weltklimakonferenz 2015 gilt der Klimaschutz als zentrale strategische Aufgabe der Weltgemeinschaft. Ziel der EU ist es, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Das bezieht sich außerdem auf Boden- und Gewässerverunreinigungen, den Rohstoffverbrauch sowie die Biodiversität. Denn diese Aspekte spielen ebenfalls eine wichtige Rolle beim Klimawandel.

Klimaneutralität in Deutschland

Auch in der deutschen Politik steht durch die Klima- und Energiepolitik der EU der Klimaschutz und damit das Ziel der Klimaneutralität ganz oben. Dieses Ziel ist durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2021 (1) verstärkt in den Fokus staatlichen Handelns gerückt. Denn damit wurden die Ziele für 2031 (55 % Reduktion) bestätigt und gleichzeitig ein Plan für das 100%-Ziel gefordert. Das bezieht sich nicht nur auf die Energieversorgung, sondern natürlich auch auf den Gebäude- und Verkehrsbereich, auf Industrie und Wirtschaft sowie auf Land- und Forstwirtschaft.

Ziel ist und bleibt die weitgehende Klimaneutralität bis 2045 in Teilen sogar bis 2030. Aber diese Zielsetzung ist hochgesteckt, denn: „Die Pro-Kopf-Treibhausgasemissionen Deutschlands liegen über dem EU-Durchschnitt und sogar deutlich über dem weltweiten Durchschnitt.“ (2) Als wirtschaftlich stärkster Mitgliedsstaat will Deutschland mit gutem Vorbild vorangehen.

Strategien zur Klimaneutralität

Aber wie wird ein ganzes Land klimaneutral? Unser Lebensstil baute so lange auf umweltschädliche Strategien, dass der Umstieg allumfassend ist und in alle Lebensbereiche eingreift. Natürlich geht die Wende nur Schritt für Schritt und es ist bereits viel geschehen. Von Klimaneutralität sind wir allerdings noch weit entfernt. Also: Wie sehen die Strategien aus, mit denen Deutschland Vorreiter in Sachen Klimaneutralität werden will?

1. Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Regionalentwicklung

Hier sollen die Ideen entstehen, die Methoden und vor allem die Ansätze zur praktischen Umsetzung. Denn alle Theorie hilft nichts, wenn die Praxis fehlt. „Die Kommission soll zur Unterstützung des Strukturwandels einen Instrumentenmix entwickeln, der wirtschaftliche Entwicklung, Strukturwandel, Sozialverträglichkeit und Klimaschutz zusammenbringt.“ (3)

2. Ein klimaneutraler Gebäudebestand

Energieeffizienter Wohnraum spielt eine erhebliche Rolle für den Klimawandel. Als Mitteleuropäer sind wir dazu verdammt, im Winter unsere Gebäude zu beheizen, was in erheblichem Umfang zur negativen Klimabilanz beiträgt. Denn zum einen haben wir zu lange umweltschädlich geheizt, zum anderen sind zu viele Gebäude nicht ausreichend gedämmt. Diese Kombination ist doppelt problematisch. Für den Gebäudebestand stehen daher umfangreiche Nachrüstungen und Sanierungen auf dem Plan. Alle Neubauten sollen außerdem klimaneutral geplant sein und Heizsysteme auf erneuerbaren Energien basieren.

3. Neue Mobilität im Zeichen der Umwelt

Die Automobilindustrie ist Deutschlands Aushängeschild. Doch der Umstieg auf moderne, zukunftsweisende Technologien kam spät. Bis deutsche Autohersteller das erste Elektrofahrzeug auf die Straßen brachten, fuhren schon einige E-Autos ausländischer Hersteller herum. Nach und nach finden auch die einheimischen Elektroautos ihren Platz im Stadtbild und die Ladesäulen mehren sich. Doch neben den PKW braucht es für den klimaneutralen Schwerlastverkehr ebenfalls haltbare Technologien.

4. Klimaneutrale Industrie

Klimaneutrale Prozesse in der Industrie sind für viele Unternehmen hochgesteckte Ziele. Zum Teil müssen vollkommen neue Strategien und Technologien entwickelt werden, um eine „Minderung klimawirksamer industrieller Prozessemissionen“ (4) zu ermöglichen. 

5. Landwirtschaft ohne Gift

Pflanzendünger ist schon lange in Verruf geraten. Der Einsatz von Pestiziden ist gefährlich für Mensch und Tier, für Boden und Umwelt. Der neue Richtwert soll für den Einsatz von Stickstoff bei 70 kg pro Hektar liegen, die Bundesregierung spricht von einer vollständigen Umsetzung des Düngerechts, vor allem der Düngeverordnung. (5)

6. Erhalt und Verbesserung des Waldes

Die sogenannten Senken spielen für die Klimaneutralität eine wichtige Rolle. Denn Wälder und Moore nehmen die Emissionen auf und verarbeiten sie. Darum muss ausreichend Fläche vorhanden sein, die Forstwirtschaft entsprechend ausgerichtet sein und gefördert werden. Denn dass es dem Wald in Deutschland nicht gut geht, haben wir bereits in diesem Artikel dargestellt.

7. Steuerreform für mehr Anreize

Die Klimawende kostet Geld. Das beginnt schon im Kleinen beim alltäglichen Konsum und Lebensstil jedes Einzelnen. Steuerliche Anreize bzw. Nachteile sollen hier die richtige Richtung vorgeben. Heißt: Wer sich klimakonform verhält, seinen Lebensstil anpasst, soll hier auch steuerliche Vorteile haben. Die CO2-Steuer weist in diese Richtung und wird mittel- bis langfristig klimaschädliche Technologien in allen Bereichen verteuern.

Laupheim als klimaneutrale Stadt

Das schwäbische Laupheim will nun schaffen, was ganz Deutschland gelingen soll: klimaneutral werden. Hierfür hat sie sich AutenSys als Partner ins Boot geholt. Das Ingenieur-Startup aus Karlsruhe hat den Anspruch, Energie neu zu denken. Dazu erarbeitet AutenSys Lösungen, wie sich Unternehmen oder auch ganze Kommunen energetisch selbst versorgen können. Der Fokus liegt dabei klar auf Autarkie, Klimaschutz und Energieeffizienz.

Im ersten Schritt wurde daher eine CO2-Bilanz erstellt, also das, was umgangssprachlich als CO2-Fußabdruck bekannt ist. Die CO2-Bilanz bezeichnet die Summe aller direkt und indirekt entstehenden Emissionen und verdeutlicht den Energieverbrauch für alle relevanten Sektoren innerhalb der Kommune, z. B. für Industrie, Haushalte, Verkehr und natürlich die kommunalen Einrichtungen selbst. So lassen sich Schwerpunkte identifizieren und in der Folge Maßnahmen ableiten, mit deren Hilfe die CO2-Emissionen nach und nach gesenkt werden. 

Klimaschutz-Infos auf der Website der Stadt Laupheim.

Ergebnisse und Daten

Luftbild einer großen Photovoltaikanlage in Laupheim (Google Earth)

Um genaue Daten zu erhalten wurde für die Jahre 2017 und 2019 jeweils eine Basisbilanz (bundesweiter Strommix) und eine Territorialbilanz (regionaler Strommix) erstellt. Relevant für das weitere Vorgehen war vor allem die Territorialbilanz für 2019. Für die Stadt Laupheim kam AutenSys auf einen Energiebedarf von durchschnittlich 570 GWh und einen CO2-Ausstoß von ca. 175.000 Tonnen im Jahr 2019, womit sie im Landesdurchschnitt etwa im Mittelfeld liegt. Das teilt sich auf wie folgt:

  • 43 % Verarbeitendes Gewerbe
  • 27 % Private Haushalte
  • 20 % Verkehr
  • 8 % Gewerbe und Sonstige
  • 2 % Kommunale Liegenschaften

Für die Energieträger ergab die CO2-Bilanz folgendes:

  • 40 % Strom
  • 26 % Erdgas
  • 20 % Kraftstoff
  • 12 % Heizöl
  • 2 % Fernwärme
  • 1 % Wärme aus EEQ (Erneuerbare Energiequellen)

Der Stromverbrauch Laupheims lag 2019 bei etwa 160.000 MWh, wovon 25 Prozent aus nachhaltigen Energiequellen stammten – das meiste davon Photovoltaik und Biomasse. Der Wärmeverbrauch lag bei knapp 297.000 MWh, wovon 2019 aber nur 18 Prozent aus nachhaltigen Energiequellen stammten, ein Großteil davon lokal erzeugte Biomasse und Heizwerke. 

Im Ergebnis lag das Potenzial vor allem im Bereich der Kraft-Wärme-Kopplung. Hier schnitt Laupheim 2019 verglichen mit dem bundesdeutschen Durchschnitt eher schlecht ab.

Maßnahmen für Klimaneutralität

Wie die Bilanzierung des Energieverbrauchs gezeigt hat, kann eine Stadt wie Laupheim das Ziel der klimaneutralen Kommune nur erreichen, wenn an vielen Stellschrauben gedreht wird. AutenSys schlägt daher ein Paket aus 16 Maßnahmen vor, die sich in drei Bereiche gliedern lassen.

1. Erzeugung und Nutzung von Energie

  • Ausbau Erneuerbarer Energien (Photovoltaik, Umweltwärme, Biomasse) 
  • Sinnvolle Einbindung bestehender Biogasanlagen 
  • Ausbau Nah-/Fernwärmenetze (auch in Gewerbegebieten) 
  • Steigerung der Energieeffizienz (z. B. Abwärmenutzung) 
  • Steigerung des Eigenverbrauchs (durch Speicher und Sektorenkopplung

2. Ertüchtigung von Gebäuden

  • Gebäudebesitzer auch in Industrie und Gewerbe informieren 
    • Energetische Sanierung
    • Aktuelle Förderprogramme 
    • Austausch der Heiztechnik 
  • Vorgaben im Neubau definieren (z. B. Anschluss an Wärmenetze, Verwendung von Wärmepumpen) 
  • Städtische Liegenschaften unter energetischen und CO2-senkenden Aspekten prüfen und umrüsten (z. B. Begrünung, auch für Buswartehallen) 

3. Verkehr

  • Ausbau ÖPNV und Förderung der alternativen Antriebe 
  • Elektromobilitätskonzept 
  • Integrierte Verkehrsplanung, inkl. Radverkehr 
  • Förderung von E-Carsharing 
  • Alternative Antriebstechnologien bei Betriebs- und Dienstfahrzeugen 
  • Dienst-E-Bikes 
  • Kombiangebote im ÖPNV fördern 
  • Weiche Faktoren verstärken, z. B. Schulprojekte zur Sensibilisierung 

Wie sind diese Maßnahmen zu bewerten?

Zunächst kann man feststellen, dass es zum einen um handfeste Investitionen in klimafreundliche Technologien geht: Ausbau der Photovoltaik auf kommunalen Gebäuden, Ausweitung des Fernwärmenetzes und der Biogasanlagen oder die Anschaffung von E-Bikes, mit denen städtische Mitarbeiter ihre Aufgaben erfüllen, um nur ein paar zu nennen. Zum anderen geht es aber auch um das Aufschlauen der Bevölkerung. So will man gezielt Gebäudebesitzer über ihre Möglichkeiten oder neue gesetzliche Rahmenbedingungen informieren. Außerdem sollen Projekte mit Schulkindern aufgelegt werden, die eine entsprechende Haltung fördern sollen. Eine kommunale Verwaltung verfügt eben nur über begrenzte Mittel und Einflussmöglichkeiten, um die Entwicklung Richtung Klimaneutralität zu steuern. Auch eine Stadtverwaltung muss sich an Bundesgesetze halten und kann Immobilienbesitzer darüber hinaus zu nichts verpflichten. Das sieht allerdings bei der Ausweisung von Neubaugebieten etwas anders aus. Hier kann der Anschluss an das Fernwärmenetz vorgeschrieben werden, sonst wird keine Baugenehmigung erteilt. Ebenso könnte sie veranlassen, dass der gesamte öffentliche Nahverkehr klimaneutral organisiert wird. Dem stehen allerdings die Finanzen entgegen, die bei allen Kommunen meist knapp sind.

Wie wird eine Kommune wie Laupheim klimaneutral?

Klar ist: Der Wandel zur klimaneutralen Kommune wird auch bei einer mittelgroßen Stadt wie Laupheim Jahrzehnte dauern. Die Stadtverwaltung kann dieses Ziel beim besten Willen nicht allein stemmen; zu gering sind ihre handfesten Einflussmöglichkeiten. Es bedarf der Mitwirkung der Bevölkerung sowie der ortsansässigen Unternehmen. Aber: Es ist von zentraler Bedeutung, dass es eine Vision gibt, einen gemeinsamen Plan mit konkreten Maßnahmen, an dem sich die Entscheidungsträger in der Stadtverwaltung, in den Unternehmen und in den privaten Haushalten orientieren können. Dann entwickelt sich ein koordiniertes Zusammenwirken. Deshalb ist es richtig und wichtig, dass Kommunen eine CO2-Bilanz erstellen und daraus ein Konzept entwickeln, wie in der Zukunft agiert werden muss, um das Ziel der Klimaneutralität auf lokaler Ebene zu erreichen. Da jede Kommune über unterschiedliche Rahmenbedingungen verfügt, sind solche Konzepte nicht eins zu eins übertragbar, sondern müssen jedes Mal individuell aufgesetzt und über einen Zeitraum agil entwickelt werden. So wird Autensys einen Wärmeplan für Laupheim entwickeln und die Stadt bei der Umsetzung und der Fortschreibung die nächsten Jahre begleiten. Ziel: Klimaneutrale Wärmeversorgung in Laupheim bis 2040.

Mit solchen dezentralen Bestrebungen zur Klimaneutralität auf kommunaler Ebene kommen wir unserem großen Ziel eines klimaneutralen Deutschlands Stück für Stück näher.


Klicken Sie für weitere Informationen für Unternehmen und Kommunen über die Energieberatung bei der Aufstellung und Umsetzung einer CO2-Bilanz durch unseren Partner Autensys.


Belege
(1) Klimaschutzplan 2050: Klimaschutzpolitische Grundsätze und Ziele der Bundesregierung, November 2016
(2) ebd. S.2
(3) ebd. S.3
(4) (5)ebd. S.5

Fotos: Laupheim bei Google Earth. Oben im Bild eine Biogasanlage.

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