Autensys Helme

Energie­wende in der Wirt­schaft: Effizienz­steigerung, Eigener­zeugung, Autar­kie

Immer mehr Unternehmen streben nach Autarkie bei ihrer Energieversorgung. Wir haben uns mit Stefanie Jelinek, Geschäftsführerin des Ingenieurbüros AutenSys über die Herausforderungen für die Unternehmen unterhalten.

Den notwendigen Wandel bei der Nutzung von Energie hin zu klimaschonenden Technologien vollziehen nicht nur die privaten Verbraucher, sondern auch die Unternehmen. Das ist dringend erforderlich, denn Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen benötigen einen hohen Anteil des gesamten Energieverbrauchs für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten. Insgesamt verbrauchen diese Sektoren 44% der gesamten Endenergie, beim Strom sind es sogar 60%.  Die Aufgabe, die industriell-gewerbliche Energienutzung klimafreundlich umzugestalten, steht daher auf der Tagesordnung für die nächsten Jahrzehnte. Um diesen Wandel in Unternehmen konkret umzusetzen, benötigt man sorgfältig geplante Strategien, da jedes Unternehmen unterschiedliche Anforderungen hat. Einsparung, Effizienzverbesserung, Erzeugung – an all diesen Stellschrauben der ressourcenschonenden Energiebewirtschaftung muss in den Unternehmen je nach Ausgangslage unterschiedlich stark gedreht werden. 

Ein Ziel einer solchen Strategie kann die energetische Autarkie für das jeweilige Unternehmen sein. Eine Autarkie zu 100% bedeutet, dass im und am Unternehmen genau die Menge an Energie erzeugt wird, die das Unternehmen selbst verbraucht. Unternehmen bei diesem Umbau zu beraten und zusammen mit ihnen eine zukunftsfähige Autarkie-Strategie zu entwickeln, ist das erklärte Ziel des Ingenieurbüros AutenSys, einer Tochterfirma der Erdgas Südwest. Wir haben uns mit der Geschäftsführerin Stefanie Jelinek unterhalten, um mehr über aktuelle Ansätze zu erfahren, wie Unternehmen die Energiewende realisieren. 

Erdgas Südwest: Die Dekarbonisierung der gesamten Energieversorgung ist unbedingt notwendig, um dem Klimawandel zu begegnen. Ein großer Teil des Energiebedarfs entsteht im gewerblichen und industriellen Bereich. Kann eine autarke Stromversorgung einen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten und was bedeutet Autarkie für Sie?

Stefanie Jelinek Autensys
Stefanie Jelinek ist Geschäftsführerin des Ingenieurbüros AutenSys

Stefanie Jelinek: Autark zu werden heißt unabhängig zu werden. Im Kontext von Energieautarkie ist damit selten die komplette energetische Unabhängigkeit oder, andersherum formuliert, die vollumfängliche energetische Eigenversorgung gemeint. Die meisten Unternehmen und Kommunen befinden sich ja nicht auf abgelegenen Inseln, sondern in dicht besiedelten Regionen mit exzellenten Strom- und Wärmeversorgungsnetzen. Daher sprechen wir immer von „unabhängiger von externen Energielieferungen werden“, ohne dabei Sicherheit zu verlieren.

Dabei gibt es verschiedene Formen und Grade der Energieautarkie, bei denen von Stufe zu Stufe höhere technische Anforderungen zu lösen sind – bis hin zur vollständigen Unabhängigkeit.Energieautarkie, komplett losgelöst von Abhängigkeiten, entsteht in der Regel nicht von heute auf morgen und selten von Null auf Hundert. Deshalb arbeiten wir ständig daran, die energetische Unabhängigkeit in verschiedenen Formen Schritt für Schritt zu erhöhen. 

Für Industrieunternehmen, die, wie Sie gesagt haben, zusammen über 50% des deutschen Stromverbrauchs ausmachen, eignet sich die autarke Energieversorgung besonders gut. In der Regel sind hier große Dachflächen und ein ganzjährig hoher Strom- bzw. Wärmebedarf vorhanden. Diese großen Dachflächen eignen sich unter anderem hervorragend für die Erzeugung von regenerativem Strom, der dann CO2-frei vor Ort eingesetzt werden kann. Das alles ohne einen aufwändigen Netzausbau. Somit kann eine autarke Stromversorgung ein Schritt hin zur Dekarbonisierung sein. 

„Unser Motto lautet: Wie viel Autarkie darf es denn sein?“

Erdgas Südwest: Welche Maßnahmen und Technologien stehen den Unternehmen bei der Realisierung einer autarken Energieversorgung heute zur Verfügung? Ist das ausreichend?

Stefanie Jelinek: Es gibt eine Reihe von Technologien, die schon heute Serienreife erlangt haben und für die autarke Energieversorgung eingesetzt werden. Dazu zählen zum Beispiel Photovoltaikanlagen oder kleine Windräder. Gleiches gilt für die Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen wie z.B. Blockheizkraftwerke oder Brennstoffzellen. Der Einsatz von Batteriespeichern ist in den letzten Jahren auch im Bereich der gewerblichen Nutzung stärker in den Fokus gerückt. Allerdings müssen wir bisher feststellen, dass eine vollständig autarke Energieversorgung nur mit erheblichem technischen Aufwand und hohen Kosten möglich ist. Häufig sind dazu auch vergleichsweise innovative Technologien erforderlich, wie zum Beispiel eine Wasserstoffspeicherung.
Daher ist unser Motto: Wieviel Autarkie darf es denn sein? Viele unserer Kunden entscheiden sich für eine teilautarke Stromversorgung. Diese ist mit der heute verfügbaren Technologie gut realisierbar und wirtschaftlich attraktiv. Für eine sinnvolle vollständig autarke Energieversorgung ist die aktuell verfügbare Technologie nicht ausreichend. Hier gibt es viele gute Ansätze, die bislang aber noch keine Serienreife erreicht haben, zu teuer sind oder nur geringe Wirkungsgrade aufweisen.

Erdgas Südwest: Bietet eine teilautarke Energieversorgung neben einem Beitrag zur Dekarbonisierung noch weitere Vorteile für die Unternehmen oder Kommunen?

Stefanie Jelinek: Unternehmen und Kommunen sehen sich seit Jahren mit steigenden Stromkosten konfrontiert. Die weitere Entwicklung der Preise können selbst Experten nicht vorhersagen. Das erschwert die langfristigen Planungsprozesse bei Unternehmen und Kommunen erheblich. Die Kosten für eine lokale Eigenerzeugung sind dagegen sehr gut planbar, besonders wenn regenerative Energien genutzt werden. Teilweise sind diese Kosten sogar deutlich niedriger als die einer konventionellen Energieversorgung über die Netze. Bei der Stromversorgung lassen sich so wirtschaftlich attraktive Autarkiegrade von über 50% erreichen. Und ganz nebenbei werden die Unternehmen und Kommunen dem gesellschaftlichen Anspruch gerecht, ihren Beitrag zur Energiewende zu leisten. In Zeiten von „Fridays for Future“ sind dies Themen, die Bürgermeister und Geschäftsführer natürlich umtreiben, auch im Kontext eines erfolgreichen Employer Brandings. Hier bieten Eigenerzeugungsanlagen hervorragende Möglichkeiten, die Mitarbeiter aktiv zu beteiligen, zum Beispiel über mitarbeiterfinanzierte PV-Anlagen auf dem Dach des Unternehmens. Das Unternehmen nutzt den vor Ort produzierten Strom zum Marktpreis und die Mitarbeiter profitieren von einer guten Rendite. Das ist gelebte Energiewende.

Unternehmen wollen sich gegen steigende Energiepreise absichern

Erdgas Südwest: Wie wichtig ist es den Unternehmen, die Kontrolle über ihre Energieerzeugung zu gewinnen, indem sie selbst in Strom erzeugende Produktionsmittel investieren? 

Stefanie Jelinek:  Die Absicherung gegen steigende Energiepreise allein hat einen Wert. Und diesen erkennen zunehmend mehr Unternehmen und Kommunen. Zusätzlich ist auch die Selbstbestimmtheit der Energieversorgung mittlerweile ein Wert an sich geworden. Die Unternehmer oder Kommunen bestimmen dabei selbst, mittels welcher Energieträger Strom und Wärme bei ihnen vor Ort produziert wird. Hierbei haben wir die Erfahrung gemacht, dass für unsere Kunden ganz unterschiedliche Dinge im Vordergrund stehen: Manchmal wird eine regional-ökologische Energieversorgung vor Ort gewünscht, bei der man die Energiewende sozusagen „anfassen“ kann. Ein anderes Mal ist eine krisenfeste und diesel-unabhängige Notstromversorgung gefordert oder es besteht der Wunsch, sich auch bei der Energieversorgung von der breiten Masse mit wirtschaftlich vorteilhaften State-of-the-art-Lösungen abzuheben.

Erdgas Südwest: Welche Herausforderungen kommen auf die Unternehmen zu, wenn sie Interesse an einer autarken Energieversorgung haben und ihre Anlagen dementsprechend umbauen oder ergänzen wollen?

Stefanie Jelinek: Zunächst einmal sind die Ausgangssituation und der gewünschte Zielzustand spannend. Weshalb möchte ich mein Unternehmen selbstbestimmt versorgen? Liegt der Schwerpunkt auf Strom und/oder Wärme? Geht es um die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen wie zum Beispiel des EWärmeG in Baden-Württemberg? Oder gilt es, Nachhaltigkeitsaspekte zu erfüllen? Welche Bedingungen vor Ort gibt es, und kann die bestehende Heizung weiterhin genutzt werden?

Das sind typische Fragen, die sich Unternehmen stellen. Diese Themen können meistens im Rahmen eines Energie- oder Autarkiekonzepts gelöst und geplant werden, das häufig sogar förderfähig ist. Gerade das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) als Förderinstitution hält hier interessante Anreize bereit. 

Zunächst werden die grundlegenden Möglichkeiten eines selbstbestimmten Energiesystems, also die der technischen Komponenten wie der Einsatz von Blockheizkraftwerken, Brennstoffzellen oder Photovoltaikanlagen gegenübergestellt und so die wirtschaftlich sinnvollste Autarkielösung gefunden. Dann werden die technischen Anlagen in den energiewirtschaftlichen Kontext eingebunden, sodass über Energieclouds, Mechanismen wie Direktvermarktung und Reststrombezug oder einer Kombination eine innovative und autarke Energieversorgung entsteht. Im nächsten Schritt beginnt die Detailplanung und Umsetzung, bei der weitere Förderungen möglich sind. Die größte Herausforderung ist es aus meiner Sicht, die komplexe Anlagentechnik zusammen mit der Energiewirtschaft für den Kunden sinnvoll zu kombinieren.

„In der Praxis begegnen uns häufig Energieverbräuche, die sich nur mit großem Aufwand einsparen ließen.“

Erdgas Südwest: Um ihre Energiebilanz zu verbessern, stehen Unternehmen im Prinzip zwei unterschiedliche Ansätze zur Verfügung. Zum einen können sie sich weiter anstrengen, um den Verbrauch von Energie in Form von Strom oder Wärme zu verringern, Stichwort Energieeinsparung. Zum anderen können sie den Bezug von Energie bzw. deren Erzeugung verändern, zum Beispiel indem sie Strom selber produzieren, also die Erzeugung von Energie effizienter gestalten. Welcher strategische Ansatz ist im Allgemeinen der Erfolgversprechendere?

Stefanie Jelinek: Beide Prinzipien haben ihre Daseinsberechtigung. Ganzheitlich gedacht ist es in der Praxis meist eine Kombination aus beiden. Sinnvoll ist es, zuerst den Verbrauch von Prozessen und Anlagen zu ermitteln. Wo kann ich Energie einsparen? Beim übrigbleibenden Verbrauch fragen wir als nächstes: Wie lässt sich dafür genügend Energie vor Ort produzieren und speichern?
In der Praxis begegnen uns allerdings häufig Energieverbräuche, die sich nur mit großem Aufwand einsparen ließen. Hier macht es mehr Sinn zu überlegen, ob diese Verbräuche autark und lokal gedeckt werden können. Denn effiziente, aber dennoch hohe Energieverbräuche sind nicht per se schlecht. Wenn sie mit erneuerbaren Energien vor Ort gedeckt werden, ist dies eine gelungene Maßnahme der Energiewende. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Links

Website von AutenSys www.autensys.de

Zahlen zum Energieverbrauch der unterschiedlichen Sektoren www.umweltbundesamt.de

Über AutenSys

Die AutenSys setzt Autarkieprojekte in allen Größenklassen um: von der Realisierung einer selbstbestimmten Wärmeversorgung eines Karlsruher Sportlerheimes im Zuge seiner Sanierung über die Beratung und Begleitung eines großen deutschen Drogerie-Filialisten zur Stromeigenerzeugung vom Dach bis hin zur teilautarken Versorgung eines Kieswerks der südlichen Rheinschiene durch die technische Konzeption einer schwimmende Photovoltaikanlage. In diesen Projekten stand jeweils die lokale Autarkie im Mittelpunkt. 
Darüber hinaus entwickelt AutenSys Betreibermodelle sowie deren technischen Voraussetzungen für mehrere Varianten der bilanziellen Autarkie für Gewerbekunden, Privatkunden, die Wohnungswirtschaft und Energieversorger.
Aktuell befindet sich ein Produkt in Entwicklung, dass die Notstrombranche umkrempeln wird und voll auf autarke Eigenerzeugung setzt.