04.01.2017

Kommunale Energiewende

Zellenergie für eine Sporthalle

Energetische Herausforderung für Kommunen: Sie sollen Vorbild sein, sie sollen die Energiewende mit vorantreiben und sie sollen dabei wirtschaftlich agieren. Rottenacker in Oberschwaben hat die Herausforderung angenommen und in Zusammenarbeit mit dem Energiedienstleister Erdgas Südwest eine Brennstoffzelle im Heizungskeller der Turn- und Sporthalle eingebaut. Bürgermeister Karl Hauler ist überzeugt, dass kleine Schritte und moderne Technologien der Schlüssel zur erfolgreichen Energiezukunft der Gemeinde sind.

Beschaulich liegt die 2100-Seelen-Gemeinde Rottenacker inmitten der oberschwäbischen Hügellandschaft. Mit etwa 800 Arbeitsplätzen ist Rottenacker heute ein Ort, der auch viele Beschäftigte von außerhalb anzieht. Als evangelisches Eiland umgeben von katholischer Nachbarschaft, hat man sich schon früh weg von der Landwirtschaft und hin zu mehr Industrie und Technologie orientiert. Grund dafür war unter anderem die evangelische Realteilung bei der Erbschaftsfolge, die immer kleiner werdende Landwirtschaften zur Folge hatte. Neuen Entwicklungen und zukunftsorientierter Technik steht man daher traditionsgemäß aufgeschlossen gegenüber, besonders im Bezug auf aktuelle Themen wie etwa Energiewende und Nachhaltigkeit.

Das Interesse von Bürgermeister Karl Hauler war daher schnell geweckt, als der langjährige Energiepartner der Gemeinde, das Versorgungsunternehmen Erdgas Südwest, ihm eine Technologie präsentierte, die derzeit als eine der effektivsten auf dem Markt gilt: die Brennstoffzelle. Relativ klein und unscheinbar, nicht viel größer als eine Waschmaschine, ist sie einer der großen Hoffnungsträger mit Blick auf das angestrebte Umdenken in Sachen Energie.

„Klimawandel, Energiewende, das sind natürlich Themen mit denen man sich befasst, sogar befassen muss als Kommune. Die Kunst besteht darin, sinnvoll zu investieren. Mir als Bürgermeister ist sehr daran gelegen, den Grundstein für etwas zu legen, das Zukunft hat, das sich rentiert – in wirtschaftlicher und energetischer Hinsicht, aber auch vor dem Hintergrund, dass wir als Kommunen vorangehen müssen, um etwas zu bewegen“, so Hauler. „Brennstoffzellen sind eine vielversprechende Perspektive, die auch als solche vom Land gefördert werden. Dank dieser Förderung wurde das von Erdgas Südwest präsentierte Konzept für uns eine umsetzbare Vision.”

Als Gemeinde kann sich Rottenacker in Sachen Energieversorgung auf ein großes Laufwasserkraftwerk an der nicht weit entfernten Donau verlassen. Doch andere regenerative Ressourcen sind beschränkt: Die Nutzung von Windkraft ist nicht möglich. Zwar gibt es in der näheren Umgebung mehrere Biogasanlagen, doch Rottenacker selbst verfügt nur über wenig Landwirtschaft. „Genau aus diesem Grund wollen und müssen wir uns bezüglich unserer nachhaltigen Energieversorgung anders orientieren”, erläutert Hauler, „Erdgas Südwest ist uns dabei ein verlässlicher Partner vor Ort, der unsere Bedürfnisse versteht und es schafft Ökonomie mit Ökologie zu verbinden. Wir können auf eine profunde Beratung vertrauen und wissen, dass weder umweltseitige noch wirtschaftliche Gesichtspunkte außer Acht gelassen werden. Die nun eingebaute Brennstoffzelle ist zunächst – aus zukunftsenergetischer Sicht der Gemeinde – nur ein kleiner Schritt, aber es ist ein Anfang. Als technologieaffine Gemeinde geben wir damit einer neuen Technologie eine Chance.“

Und solche Chancen braucht die Brennstoffzelle, um sich als moderne Energielösung zu etablieren. Dank ihrer Funktionsweise wird bei Brennstoffzellen Energie nahezu emissionslos erzeugt: Bei der sogenannten „kalten Verbrennung” reagiert der im Erdgas enthaltene Wasserstoff mit zugeführtem Sauerstoff. Als Abfallprodukt entsteht im Grunde nur Wasser. Und im Gegensatz zu klassischen Verbrennungsvorgängen haben Brennstoffzellen einen sehr hohen elektrischen Wirkungsgrad. Bis zu 60 Prozent sind realistisch – ein Kohlekraftwerk kommt nur auf 30 bis 40 Prozent. Das bedeutet, dass eine Brennstoffzelle verhältnismäßig viel Strom, aber eher geringe Mengen an Wärme produziert. Eben wegen diesem Wirkungsgrad eignen sich die Zellen besonders zur Deckung der Grundlast von Gebäuden mit relativ konstantem Strombedarf.

Gemeinsam mit Erdgas Südwest prüfte man darum verschiedene gemeindeeigene Objekte und beschloss schließlich den Einbau in der Sport- und Turnhalle. Energetische Ausgangslage war hier: Das zum Gebäude gehörende Musikerheim verfügt bereits über eine Fotovoltaikanlage, die die Turnhalle mitversorgt und gegebenenfalls Überschüsse ins Netz einspeist. In der Halle selbst ist eine Erdgas-Heizung verbaut. Die neue Brennstoffzelle wird sich fortan mit um die Stromversorgung kümmern. Die als Nebenprodukt entstehende Wärme wird zur Warmwasserbereitung genutzt.

Eine wahre Investition in die Energiezukunft der Gemeinde, denn Brennstoffzellen haben eine voraussichtliche Lebensdauer von mindestens 20 Jahren. Der Wartungsvertrag in Rottenacker wurde mit Erdgas Südwest über zehn Jahre abgeschlossen und beinhaltet die regelmäßige Überprüfung und Zählerkontrolle sowie den gesamten Service rund um die Zelle. Dazu gehört auch, dass nach einer gewissen Laufzeit der Brennstoffzellenstapel, der das Herz der Technologie bildet, ausgetauscht wird, um die dauerhaft hohe Leistungsfähigkeit zu erhalten. Man geht davon aus, dass sich über die nächsten Jahre hinweg auch dieses „Herz“ noch deutlich weiterentwickeln und verbessern wird, sodass dann auch durchaus noch längere Lebenszeiten möglich sind. Außerdem wird die Technologie, je flächendeckender sie eingebaut wird, auch immer erschwinglicher. Ähnlich der Entwicklung von Fotovoltaik werden sich die Investitionskosten nach und nach verringern, bis sie auch für Kleinhaushalte und Privatpersonen eine preislich attraktive Alternative darstellt.

Darüber hinaus ist eine solche Brennstoffzelle eine sehr anpassungsfähige Lösung, wie Bernd Levko, Kommunalberater bei Erdgas Südwest, weiß: „Sollten sich die Ansprüche ändern und man einen höheren Stromverbrauch abdecken oder die Schule mitversorgen wollen, so ist das gar kein Problem. Brennstoffzellen lassen sich in Kaskadierung schalten. Man kann also einfach eine – oder mehrere – Brennstoffzellen hinzufügen, um den erhöhten Bedarf zu decken. Oder man kombiniert sie mit anderen Energielösungen. Außerdem rechnen wir damit, dass auch die Speichertechnologie in den nächsten Jahren mit großen Schritten weiterentwickelt wird, sodass sich dann vielleicht noch ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Das Wunderbare an der jetzt eingebauten Zelle ist, dass sie sich an zukünftige Entwicklungen anpassen lässt und in jedem Fall eine energetische Aufwertung bedeutet.”

Auch der Bund setzt auf das Potenzial der Brennstoffzelle. Unter dem Titel „Energiewende im Heizungskeller“ sind verschiedene Förderprogramme gebündelt, die unter anderem auch den Einbau von Brennstoffzellen bezuschussen. Dank dieser Förderung, die rund ein Drittel der Kosten abdeckt, und einer weiteren Bezuschussung direkt durch Erdgas Südwest wird sich die Brennstoffzelle in Rottenacker nach eigenen Berechnungen der Gemeinde schon nach sechs Jahren amortisieren. „Ein ganz entscheidender Gesichtspunkt für uns“, gibt Hauler zu, der bereits seit 2000 dort Bürgermeister ist und sich in Sachen Brennstoffzelle auch auf das fachliche Know-how seines zweiten Stellvertreters verlassen konnte: Gemeinderat Christian Walter, selbst Ingenieur für moderne Energiesysteme, war maßgeblich an der technischen Einbindung sowie der Amortisierungsberechnung beteiligt. „Als zukunftsorientierte Kommune sind wir natürlich daran interessiert, auch energetisch mit der Zeit zu gehen“, erklärt Hauler. „Aber unabhängig von Idealismus und umweltorientierten Bestrebungen ist es natürlich in erster Linie auch die Wirtschaftlichkeit, die wir im Auge behalten müssen.“

Vorbild sein, den ersten Schritt wagen, neue Technologien ausprobieren – dieser Geist wohnt Rottenacker inne. Ebenso wie ein Bewusstsein für Region und Nachhaltigkeit. „Ich habe selbst ein Blockheizkraftwerk im Keller. Das ist vielleicht nicht die günstigste Lösung, doch ich möchte, dass meine vier Kinder in eine Zukunft blicken können, in der moderne Technologie und Umdenken Klimawandel und Naturkatastrophen einen Riegel vorschiebt“, so der Bürgermeister. Damit dies gelingen kann, muss man gemeinschaftlich aktiv werden. Das bedeutet, dass besonders Gemeinden und Kommunen ihre wichtige Rolle im Hinblick auf eine erfolgreiche Energiewende begreifen müssen. In Rottenacker ist man bereits dabei, etwas zu bewegen. Die neue Brennstoffzelle ist nach Wasserkraft und Fotovoltaik der nächste Baustein.

Quelle: Kommunaler Beschaffungsdienst Ausgabe 12/2016

Bild von Herr Biehl